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Ent - schuldigen

Krankenhauspfarrer Edgar Zoor

Er hat es tatsächlich gesagt: Der Unternehmer und Aufsichtsratschef von Schalke 04 Clemens Tönnies hat sich während der diesjährigen Liborifeierlichkeiten bei seiner Rede zum "Tag des Handwerks" in Paderborn eine rassistische Entgleisung geleistet. Seine dokumentierte Wortwahl war so "fremdschämerisch", dass ich sie hier an dieser Stelle nicht wiederholen möchte. Aber: Er hat es tatsächlich getan. Und das hatte Konsequenzen: Nachdem er wegen dieser Entgleisungen massiv kritisiert wurde, hat er öffentlich sein tiefes Bedauern über seine Aussagen ausgedrückt. Und er hat reflexhaft zugesichert, das alles wieder gut zu machen. Nun gut. Aber dennoch: Er hat es tatsächlich gesagt ... . Wir werden sehen, welche Folgen das vielleicht noch hat.
Für heute aber möchte ich an dieser Stelle zunächst festhalten: Hier wird uns wieder einmal  deutlich gemacht, dass unsere Worte wie Pfeile sind: Einmal abgeschossen, können wir sie nicht mehr einfangen. Und wie bei manchem Pfeilschuss ist es auch mit unseren Worten: Manche werden vorschnell abgeschossen, ohne exakt genug gezielt zu haben und dann zischen sie haarscharf an ihrem eigentlichen Ziel vorbei und verletzten andere, die gar nichts mit dem zu tun haben, was wir da eigentlich beabsichtigen. Das macht mir als erstes einmal dieser Fauxpas während der Liboriwoche deutlich.
Zum Anderen wird noch einmal klar, dass wir eben oft Dinge sagen oder auch in Handlungen umsetzen, die wir eigentlich nicht wirklich so praktizieren möchten: Wir wissen, dass das nicht geht, dass das auch wirklich gar nicht geht - und es passiert uns doch. Von solchen  Erfahrungen könnten wir alle ganz persönlich erzählen ... ! Es ist das Erleben einer Widersprüchlichkeit in uns, unter der wir alle leiden, wenn wir noch eine geschmeidige, nicht verhärtete Seele haben.
Wenn es dann gut läuft, bewegt vielleicht in uns die Erkenntnis, dass unser Handeln falsch war, den unbedingten Wunsch, es wieder rückgängig zu machen. Aber: Vorsicht bitte! Denn: Hier können wir in eine Falle tappen, die sich in unserer Sprache zeigt: Wenn wir einen Fehler, den wir selbst zu verantworten haben, ungeschehen machen möchten, dann geben wir uns manchmal einen Ruck und sagen dem Geschädigten: "Ich entschuldige mich bei Dir!"
Das geht aber nicht wirklich: Wir können uns nicht selbst ent-schuldigen. Wenn wir schuldig geworden sind, dann können wir lediglich um Vergebung bitten - wir können sie uns aber nicht selbst zusprechen. Wir brauchen den Schritt dessen, den wir verletzt haben, auf uns zu. Nur der Andere kann mich ent-schuldigen.
Das ist irgendwie sehr ernüchternd - mit aller Ehrlichkeit so schonungslos auf unsere menschliche Verfasstheit hinzuweisen. Aber: Es gibt Licht am Ende des sprichwörtlichen Tunnels. Denn wir feiern in wenigen Tagen das Fest eines Menschen, in dem es diese Zerrissenheiten zwischen dem, was wir in unserem Inneren möchten und dem, was wir tatsächlich tun, nicht gegeben hat: Maria.
Das Fest ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel ist ein Fest der existentiellen Einheit in dieser Frau. Wenigstens in einem einzigen Menschen ist kein Graben, kein Sund zwischen dem, was innerlich und äußerlich, leiblich und seelisch passiert. Von ihrem Leben können wir sagen: Sie lebt, was sie sagt: "Mir geschehe nach deinem Wort!" (Lk 1, 38). Und sie sagt, was in ihr lebt: "Meine Seele preist die Größe des Herrn!" (Lk 1, 46). Bei ihr gilt: "Außen und Innen:  1:1" !
Das verstehe ich unter einem geglückten Leben aus dem Glauben. Und ich möchte nicht in dem Versuch erlahmen, täglich wenigstens einen kleinen Schritt auf diesem Weg weiter zu gehen. Gut, dass wir immer wieder daran erinnert werden - so wie durch Clemens Tönnies und die Muttergottes!
                            Edgar Zoor, Krankenhauspfarrer

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