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Die Orgel
in der Pfarrkirche St. Saturnina
Neuenheerse

Seit 1348 sind in Neuenheerse Orgeln urkundlich nachweisbar. Auslöser der Beschaffung repräsentativer Orgeln war neben dem kirchenmusikalischen Anspruch eines Adeligen Damenstiftes sicher auch die faszinierend schöne und ausgewogene Akustik dieses Kirchenraumes.

Die Ott-Orgel von 1966 (II/32) mit Gehäuse und Prospektpfeifen von 1714

Der Ursprung des jetzigen Instrumentes kann nicht sicher datiert werden, weil zuverlässige Quellenangaben fehlen. Neuere Überlegungen lassen den Schluß zu, daß diese Orgel 1712 - 14 von Andreas Reinecke aus Eschershausen, wahrscheinlich unter Mitwirkung seines Bruders Bernhard, gebaut und nach 1719 mit der farblichen Fassung vollendet wurde. Sie erhielt ihren prachtvollen Barockprospekt mit den überlangen (18') Pedaltürmen und den bartlosen, silberbelegten Bleipfeifen, deren Labien vergoldet waren. Das Instrument war im weiten Umkreis die bedeutendste Orgel, und seine Organisten wurden des öfteren gutachtlich tätig, z.B. bei der Abnahme der Möller-Orgel in Marienmünster.

Nach mehreren Umbauten erfuhr diese Orgel im Jahre 1883 den gravierendsten Eingriff, als der Paderborner Orgelbaumeister Franz Eggert ein neues 24-registriges, dem romantischen Zeitgeschmack entsprechendes Kegelladeninstrument in das vorhandene Gehäuse stellte; nur einige Register des Pedalwerks und die verstummten Prospektpfeifen blieben erhalten. Einem weiteren Umbau im Jahre 1921 fielen auch die alten Pedalpfeifen zum Opfer. Unglückliche technische Konzeption, vor allem aber mangelhafte Wartung ließen das nunmehr pneumatische Werk in den folgenden Jahrzehnten bis zur Unbrauchbarkeit verkommen.

Dieser Orgel mit ihrem warmen, voluminösen Klang trauern bis heute viele ältere Gemeindemitglieder nach.

Die heutige Orgel mit ihrer üppigen Disposition ist das Ergebnis eines Rekonstruktionsversuches, der Ende der fünfziger Jahre durch den Leiter der Orgelwissenschaftlichen Forschungsstelle der Westfälischen Wilhelms–Universität Münster, Prof. Dr. Rudolf Reuter, erarbeitet wurde. Dafür legte Reuter den damals wahrscheinlichsten Erbauer, Andreas Schweimbs aus Einbeck, zugrunde. Orgelbaumeister Paul Ott (1903-1991) aus Göttingen hat sie unter Verwendung der historischen Prospektpfeifen des Hauptwerks zwischen 1964 und 1966 als vollmechanische Schleifladenorgel in traditioneller Bauweise neu errichtet. Das Gehäuse erhielt in der Werkstatt August Tombusch, Ascheberg, seine ursprünglichen Proportionen zurück und wurde um ein Rückpositiv ergänzt. Die farbliche Fassung wurde von der Restauratorenwerkstatt Anton Ochsenfarth, Paderborn, wiederhergestellt, die erforderlichen Änderungen an der Empore von der Schreinerei Schwarze, Neuenheerse, durchgeführt.

Es ist ein besonderer Glücksfall, dass die Rekonstruktion der größten Orgel Bad Driburgs gerade Paul Ott anvertraut wurde. Ott baute nach einer langen Phase des Vergessens als erster wieder vollmechanische Orgeln in barocker Tradition. Dabei entwickelte er einen unverwechselbaren Personalstil, der auch in Neuenheerse in seiner ganzen Klarheit zum Ausdruck kommt. Es wurden, entgegen den damaligen Gepflogenheiten, keinerlei vorgefertigte "Industrie"-Bauteile verwendet; das gesamte Instrument ist in feiner Handarbeit individuell auf seinen Aufstellungsraum abgestimmt.

Im Rahmen der Kirchenrenovierung 1991–94 hat die Firma Matthias Kreienbrink, Osnabrück-Hellern (jetzt Georgsmarienhütte) das Orgelwerk gründlich überholt. Bedauerlicherweise wurde es dabei klanglich erheblich verändert. Die Anhebung des Winddruckes und eine damit notwendige vollständige Neuintonation haben die ursprüngliche brillante Strahlkraft fast vollständig beseitigt.

Seitdem erklingt in unserer Gemeinde weder die originalgetreue Ott-Orgel noch eine authentische Barockorgel. Das einst für Rundfunk- und Tonträgeraufnahmen gebuchte und in zahlreichen Konzerten von namhaften Organisten gespielte Instrument ist zur Zeit von der Landkarte verschwunden. Allein die Hohlflöte 8' des Hauptwerks erinnert in geradezu atemberaubender Schönheit an die alte Größe dieses herausragenden Instrumentes.

Die nächstgelegene, noch unveränderte Orgel von Paul Ott, die den ursprünglichen "Neuenheerser Klang" bewahrt, befindet sich in der Paderborner Markt- und Universitätskirche.

Disposition der Orgel:

Spieltisch

Spieltisch

Hauptwerk, II. Manual (C - g‘‘‘) - 2 Schleifladen

1. Quintade 16'
2. Prinzipal 8' (Prospekt)
3. Hohlflöte 8'
4. Oktave 4'
5. Spitzflöte 4'
6. Oktave 2'
7. Sesquialter 3f.
8. Mixtur 5f.
9. Zimbel 3f.
10. Trompete 16'
11. Trompete 8'


Rückpositiv, I. Manual (C – g‘‘‘) - 1 Schleiflade

12. Gedackt 8'
13. Praestant 4' (Prospekt)
14. Blockflöte 4'
15. Koppelflöte 4‘
16. Rohrnasat 2 2/3'
17. Terzflöte 1 3/5'
18. Quinte 1 1/3'
19. Oktave 1'
20. Scharff 5f.
21. Dulzian 16'
22. Schalmey 8'

Tremulant (seit 1994 elektrifiziert, einstellbar)


Pedalwerk (C – f‘) - 2 (+2) Schleifladen, C/Cs-geteilt

23. Prinzipal 16' (Prospekt)
24. Subbaß 16' (Holz)
25. Oktave 8'
26. Gedackt 8'
27. Choralbaß 4'
28. Nachthorn 2'
29. Bauernflöte 1'
30. Mixtur 6f.
31. Posaune 16'
32. Trompete 8'


  • 2354 Pfeifen, davon 30 aus Holz (Fichte), sonst Orgelmetall (Zinn/Blei) verschiedener Legierungen, historische Prospektpfeifen aus Blei
  • mechanische Spiel- und Registertraktur
  • Koppeln I/II, I/P, II/P
  • Prospektpfeifen auf Ladenniveau sind klingend
  • Zungenstimmenanteil: 1:4 
  • Zungenstimmen mit quadratischen Holzstiefeln und Metallbechern, volle Länge (Trompete 16' HW und Dulzian 16' RP halbe Länge), große Pfeifen im Rückpositiv gekröpft, im Pedalwerk oben aus dem Gehäuse herausragend
  • Haupt- und Pedalwerk befinden sich auf gleicher Höhe; Prinzipal 16' C–A und Subbaß 16' C–G des Pedalwerks stehen auf Emporenniveau und werden über mechanisch angekoppelte Zusatzladen betätigt.

Blick ins Hauptwerk

Während der Arbeiten zur Holzwurmbekämpfung entstand das folgende Bild. Es erlaubt einen Blick auf die Hauptwerksladen bei entfernten Prospektpeifen. Die Verformungen der Laden sind darstellungsbedingt - tatsächlich sind sie rechtwinklig.

Vordere Pfeifen: Quintade 16' (zylindrisch gedackt)

In Bildmitte zwischen den Laden gut erkennbar die aufrecht stehenden Schleifen für die historischen Prospektpeifen (Prinzipal 8'); filzgarniert auf den Ladenstirnseiten abgehend gelötete Bleikondukte zu deren Pfeifenkesseln. Außen links und rechts auf der Ladenkante gebündelt und vor den Stimmgängen hochgebänkt die im Prospekt fehlenden Töne.

Sehr interessant die wellenförmige Form des Stiftbrettes auf halber Höhe; die wegen des begrenzten Raumes dichte Bestückung der Laden mit Pfeifen in tiefer Fußtonlage erfordert eine solche Konstruktion.

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