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Der Weg der heiligen Saturnina
nach Neuenheerse

Dr. Peter Bonk, Pater Thomas Wunram

 

Dieser Aufsatz basiert auf einem Vortrag in der Pfarrkirche – dem sogenannten Eggedom – von Neuenheerse, den die Verfasser am 3. März 2002 einem interessierten Publikum präsentiert haben.


Ein vergilbtes Manuskript

Ein vergilbtes Manuskript, 36 maschinengeschriebene Seiten auf A 4, das nun schon über 60 Jahre im Pfarrarchiv von Neuenheerse vor sich hin schlummert, weckte unsere Neugierde. Es stammt von Anton Gemmeke, der von 1905 – 1938 Pfarrer von Neuenheerse war und noch heute einen Namen hat als bedeutendster Kirchenhistoriker des Stiftes Heerse.

Der Titel des Manuskriptes: Die hl. Saturnina.

Ursprünglich hatte Gemmeke vor, seinem Hauptwerk, Geschichte des adeligen Damenstifts zu Neuenheerse, ein eigenes Kapitel über die Kirchenpatronin anzuhängen, ließ davon aber ab, weil das Werk auch ohne diesem einen gewaltigen Umfang erreichte. Dann plante er, der hl. Saturnina ein eigenes Büchlein zu widmen. Weitere Nachforschungen ließen ihn jedoch zögern, und bis zu seinem Tod konnte er sich nicht entschließen, das Manuskript in Druck zu geben.

Die Saturninenfrage verfolgte ich noch weiter und stellte schon vor einigen Jahren das Ergebnis zusammen, liess die Schrift einstweilen aber im Pulte liegen und konnte mich zur Drucklegung nicht entschliessen. Ich trug einige Bedenken, weil mein Ergebnis bezüglich der Echtheit der Lebensgeschichte unserer Heiligen nicht so war, wie wohl alle meine Pfarrkinder und ich selbst es lieber gewünscht hätten, und weil auch einige menschliche Fehlgriffe und Unvollkommenheiten nicht unerwähnt bleiben konnten. Aber die Angelegenheit liess mir doch keine rechte Ruhe. Immer kamen mir noch neue Punkte in den Sinn, wie denn von all den vielen geschichtlichen Fragen, die mich beschäftigt haben, kaum eine andere so sehr meinen Geist und meine Zeit in Anspruch genommen hat, wie die Saturninenfrage. ...

  • Was hatte Gemmeke bei seinen Nachforschungen entdeckt, dass er sich bis zu seinem Tod nicht entschließen konnte, diese Ergebnisse zu veröffentlichen?
  • Wer war diese Heilige?
  • Was wussten die Menschen von ihr?
  • Wie und wann kamen ihre Reliquien nach Neuenheerse?

Diese Fragen möchten wir in unserem Artikel aufgreifen und – über die Ergebnisse Anton Gemmekes hinausgehend – so weit es uns heute möglich ist, Antworten suchen.

Vor allem aber möchten wir mit unseren Nachforschungen Anton Gemmeke unseren Respekt zollen, der uns in großartiger Weise und mit bewundernswertem Feingefühl die Geschichte dieser 1135 Jahre alten Kirche erschlossen hat.

Saturnina – eine fest geglaubte Fälschung

Was wussten die Menschen in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts von ihrer Kirchenpatronin? Folgende Legende wurde über Jahrhunderte in Neuenheerse erzählt:

Saturnina entstammte einer wohlhabenden Senatorenfamilie Roms, war von Kindheit an Christin und diente ihrem Seelenbräutigam Christus in inniger Gemeinschaft mit zwölf gleichgesinnten, nahverwandten Genossinnen in unverbrüchlicher Treue. Als auf göttliche Weisung diese Gleichgesinnten sich trennten, kam Saturnina mit ihrer Schwester nach Lugdunum (Lyon). Nachdem sie hier unter Fasten und Beten längere Zeit verweilt hatte, kam sie auf göttliche Weisung über den Fluss Schalt ( oder Schar) in die Stadt Sanctina. Dort wurde ihr die Gnade zuteil, viele Menschen zu gewinnen und Wunderzeichen zu tun. Als der gottlose Richter Matroculus davon hörte, kam er an den Ort und ließ sie vor sich kommen. Saturnina bekannte sich offen als Christin. Als sie Schmeicheleien und Drohungen verachtete, ließ der zornentbrannte Matroklus sie entkleiden und mit Ruten schlagen, aber sie beteuerte, sie werde von Christus nicht lassen. Da ließ der Richter sie mit Fäusten ins Gesicht schlagen, sie aber fuhr fort, Gott zu preisen. Nun ließ Matroculus sie auf die Folter spannen und so grausam mit Geißeln schlagen, dass der Leib überher eine Wunde war, das Fleisch herabfiel und die Eingeweide sichtbar wurden. Saturnina blieb unerschütterlich im Bekenntnis der heiligsten Dreifaltigkeit. Im Kerker erschien ihr ein Engel, der ihr Mut machte und sie stärkte. Von überall her kamen Menschen, und sie predigte und bekehrte viele. Erneut wurde sie gefoltert und zurück in den Kerker gebracht. Und wieder erschien ihr ein Engel und zerbrach ihre Ketten. Unversehrt verließ sie den Kerker und dankte Gott. Der Richter geriet darüber so in Zorn, dass er sie bei den Haaren packte und ihr eigenhändig das Haupt abschlug. So tödlich getroffen beendete die Jungfrau ihr Martyrium am 20. Mai. Und späterhin wurde der hl. Leib der Märtyrerin auf Betreiben des vierten Bischofs von Paderborn nach Sachsen gebracht in die Kirche zu Heerse, wo er bis zum heutigen Tage ruht und vom Volke verehrt wird.

Darstellung der hl. Saturnina aus dem Jahre 1705 am Hochaltar der Kirche in Neuenheerse von Heinrich Papen.

Darstellung der hl. Saturnina aus dem Jahre 1705 am Hochaltar der Kirche in Neuenheerse von Heinrich Papen.

Die hier verkürzt wiedergegebene Vita war das, was die Menschen fast 500 Jahre lang über ihre Patronin hörten und weiter erzählten. Das war es, was sie ein halbes Jahrtausend mit den Reliquien verbanden, die in der Mitte der Kirche ihren Platz gefunden hatten. Und genau das war es, was Gemmeke zögern ließ. Er hätte seinen Pfarrkindern sagen müssen: Ihr seid einer plumpen Fälschung, einer naiven Phantasiegeschichte aufgesessen.

Schon 1673 erkannten Vertreter der Bollandisten, einer Gruppe wissenschaftlich arbeitender Historiker der Jesuiten, dass dieselbe Vita einer hl. Benedicta zugeschrieben wird, die in Origny/Nordwestfrankreich verehrt wird. Für die Saturninenvita waren in sehr oberflächlicher Weise nur Namen und Orte ausgetauscht worden, so dass es inhaltlich zu Widersprüchen kam.

Da heißt es ... veneralbilis Benedicta/Saturnina nomine et merito ..., zu deutsch: „die verehrungswürdige Benedicta/Saturnina dem Namen und dem Verdienst nach...“. Der Fälscher hatte übersehen, dass das merito wohl auf Benedicta passt, nicht aber auf Saturnina. Als Tag des Martyriums wurde statt des 8. Oktobers der 20. Mai gesetzt. Der Ortsname Origny wurde mit Sanctum (Sains?) vertauscht und der Fluss Isara (Oise) mit Salt (Schelde).

Der Urheber dieser Fälschung ist im Stift Böddeken zu suchen. Die dort um 1409 angesiedelten Augustiner Chorherren waren sehr bald durch ihre umfassende Bibliothek und Schreibstube bekannt. Das bedeutendstes Werk dieser Schule ist die Große Böddeker Heiligenlegende. In ihr findet sich die Urschrift unserer Fälschung. Gemmeke resümiert:

Die Entstehung der Saturnina-Legende war nun wohl diese: Bei der Bearbeitung von Heiligenleben hatten die Böddeker Hagiographen den begreiflichen lebhaften Wunsch, doch auch etwas zu bringen über die hl. Saturnina des hochangesehenen adligen Damenstifts Heerse, deren Fest damals noch gefeiert wurde in der ganzen Diözese Paderborn. Sie stellten also in der oben gekennzeichneten, allerdings sehr bequemen, aber durchaus nicht zu billigenden Weise aus der Benedikta-Legende eine Saturnina-Legende her, die sie dann in ihre Große Heiligenlegende aufnahmen. Um diese Entstehung der Saturnina-Legende wussten wohl auch nur wenige Mönche, vielleicht nur einer, und diese Wissenden waren nach 50 Jahren alle gestorben. Als man dann um 1510 an die Neubearbeitung des Paderborner Breviers ging, zog man natürlich für die dem Paderborner Land eigenen Heiligen, auch das Große Böddeker Legendarium zu Rate und fand hier, was sehr willkommen war, eine Lebens- und Leidensgeschichte der hl. Saturnina und entnahm daraus ohne Bedenken das Nötige für das Paderborner und das Heerser Brevier.

Gemmeke übersieht in seiner Vermutung über den Hergang der Fälschung, dass sich der Böddeker Hagiograph, wenn er denn von sich aus Interesse an der Heiligen hatte, sicherlich zunächst um Informationen an das Stift Heerse gewandt hatte. Dann aber scheint zu jener Zeit in Heerse nichts mehr über Saturnina bekannt gewesen zu sein, als der Tag ihres Martyriums, der Ort Sanctina und der Name des Flusses, an dem dieser Ort lag.

Wir kommen zu folgendem Schluss: Die Vita der Stifts-, Kirchen- und Ortspatronin war um das Jahr 1450 nicht mehr bekannt. Dass aber mit den Reliquien auch eine Lebensbeschreibung nach Neuenheerse kam, lässt sich aus der Ortsangabe und dem Datum des Martyriums erschließen.

Saturnina – eine Gefährtin der hl. Ursula?

Eine andere These vertritt der Historiker Wilhelm Lewison. Er sieht in Saturnina eine Gefährtin der hl. Ursula von Köln. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist eine Litanei mit Namen der Kölner Märtyrerinnen. Darin wird auch eine Saturnina genannt. Die älteste uns erhaltene Leidensgeschichte der hl. Ursula stammt aus der Mitte des 10. Jahrhunderts und ist Bischof Gero von Köln gewidmet. Von dieser Passio führt eine Linie direkt nach Neuenheerse. Denn dort lebte – wohl im frühen 10. Jahrhundert – die hl. Helmtrud von Heerse, eine begnadete Stiftsdame und Inklusin. Ihr – so berichtet oben erwähnte Passio – erschien in einer Vision eine Jungfrau, die sich als Cordula und Gefährtin der hl. Ursula vorstellte. Sie habe sich zunächst dem Martyrium entzogen, indem sie sich in einem Schiff versteckt hielt. Am anderen Tag aber habe sie sich freimütig ihren Mördern gestellt. In der Vision bat Cordula nun diese Stiftsdame, den Schwestern in Köln davon Kunde zu bringen und ihrer zukünftig am Tag nach der hl. Ursula (22. Oktober) zu gedenken.

Die Eintragung im Necrologium Herisiensis zum 24. April: „transl. sanctay virginu . ste saturnine . sancte fortunate”

Die Eintragung im Necrologium Herisiensis zum 24. April: „transl. sanctay virginu . ste saturnine . sancte fortunate”

Nun finden sich im Heerser Necrolog folgende Einträge:

  • 14. Juli: Ankunft der heiligen Jungfrauen von Köln.
  • 24. April: Übertragung der heiligen Jungfrauen, der hl. Saturnina, der hl. Fortunata.

Zusammen mit der Erwähnung in der o.g. Litanei gesehen, geben diese Eintragungen für Lewison Anlass zu der Vermutung, Saturnina von Heerse gehörte ursprünglich zu den Gefährtinnen der hl. Ursula, von denen Reliquien nach Heerse übertragen wurden. Später dann sei – so vermutet er – die Verbindung von Saturnina und Ursula in Vergessenheit geraten, so dass Saturnina zu einer eigenständigen Heiligen wurde.

Damit wäre das Fehlen von Vita und Passio um das Jahr 1450 verständlich. Gemmeke hingegen weist nach, dass sich Lewisons Theorie vor allem auf den o.g. Eintrag im Necrolog vom 24. April stützt. Lewison liest: Übertragung der heiligen Jungfrauen (von Köln), nämlich der hl. Saturnina und der hl. Fortunata. Dagegen nun wendet Gemmeke mit Recht ein, der Necrolog kenne ein eigenes Memorium der Translatio S. Saturninae, der feierlichen Übertragung der Reliquien, was im Widerspruch zum Eintrag vom 14. Juli stünde, falls Saturnina mit den Reliquien der Jungfrauen von Köln nach Heerse gekommen wäre. Der Eintrag vom 24. April kann zudem so gelesen werden, dass es sich bei der Erwähnung der Namen nicht um eine genauere Beschreibung der Heiligen handelt, sondern um eine Aufzählung. Es handelt sich dann um drei verschiedene Reliquien. Außerdem ließe sich das Vergessen der Beziehung zu den Gefährtinnen der hl. Ursula nicht leicht erklären.

Mit Anton Gemmeke halten wir daher die Deutung, Saturnina sei eine Gefährtin der hl. Ursula von Köln, für unwahrscheinlich.

Saturnina – eine römische Märtyrerin?

Da nun Gemmeke mit den Bolandisten die Echtheit der im Stift seit 1450 gängigen Vita ablehnte und eine Verbindung mit den Kölner Jungfrauen für sehr unwahrscheinlich hielt, versucht er selbst, die Puzzleteile der historischen Fakten über Saturnina zu einem Bild zusammen zu fügen.

Sein wichtiger Beleg ist die Papyrus-Papsturkunde von 892. Auf deren Rückseite findet sich eine Notiz aus dem 15. Jahrhundert mit folgendem Wortlaut:

Bestätigung der Gründung, gegeben von Papst Stephan um das Jahr des Herrn 887, zur Zeit Bisos, des 4. Bischofs von Paderborn, der die Reliquien der hl. Saturnina und den Leib der hl. Agatha und eine Rippe des hl. Laurentius überbrachte.

Die Notiz auf der Rückseite der Papyrusurkunde (in in einer Abschrift von Nicolaus Zimmermann) stammt aus dem 15. Jahrhundert und wird als Beleg für die Übertragung der Reliquien unter Bischof Biso (887 – 909) gewertet.

Die Notiz auf der Rückseite der Papyrusurkunde (in in einer Abschrift von Nicolaus Zimmermann) stammt aus dem 15. Jahrhundert und wird als Beleg für die Übertragung der Reliquien unter Bischof Biso (887 – 909) gewertet.

Dann verweist Gemmeke darauf, dass in den ältesten uns vorliegenden Reliquienverzeichnissen Saturnina immer zugleich als Jungfrau und als Märtyrerin bezeichnet wird.

Als Drittes stellt er fest, dass Saturnina im Stift eine hervorgehobene Stellung unter der Vielzahl der vorhandenen Heiligenreliquien hatte.

War das Stift in seinem Ursprung unter dem Patronat der Gottesmutter gestanden, so wissen wir definitiv, dass um das Jahr 1150 Saturnina Hauptpatronin der Kirche war.

Im Necrologium werden 8 Feste der Stiftspatronin erwähnt. Der 20. Mai war bis 1830 das Hauptfest. Dann wurde es zunächst auf den Sonntag nach dem 20. Mai verlegt und einige Jahre später auf den Sonntag nach Christi Himmelfahrt. Bedeutsam für Gemmekes Argumentation sind zudem die Einträge vom 2. September, Translatio sancte Saturnine, wobei an eine feierliche Übertragung zu denken ist, und vom 6. November: Adventus sancte Saturnine. Bei letzterem Datum scheint es sich um den Empfang der Reliquien in Neuenheerse zu handeln. Um diesen feierlichen Empfang ranken sich aitiologische Legenden. 

Mit der Sichtung dieser historischen Fakten nun gelangt Gemmeke zu einem ernüchterndem Resümee:

Wir wissen vom Leben, Leiden und Tode der hl. Saturnina von Heerse, die seit Aufhebung des Stiftes als Patronin der Pfarrkirche zu Neuenheerse weiterverehrt wird, nichts Sicheres, als dass sie lebte und als Martyrin starb. Die Echtheit ihrer Reliquien ist außer Zweifel ... Bischof Biso brachte nach ständiger Überlieferung die Gebeine der hl. Saturnina nach Heerse, aber nicht bloß diese, sondern auch das Haupt der hl. Agatha und eine Rippe des hl. Laurentius, letztere aber doch ohne Zweifel aus Italien, bzw. aus Rom. Dann liegt es nahe, anzunehmen, dass auch die Reliquien der hl. Saturnina von Rom nach Heerse kamen.

Im Wesentlichen macht Gemmeke also seine Argumentation an der Rückschrift der Papyrus-Papsturkunde fest. Die Übertragung der Saturninenreliquien wird darin Bischof Biso (887 – 909) zugesprochen. Dieser war aller Wahrscheinlichkeit nach in Rom, und es ist zu vermuten, dass er von dort auch Reliquien mitgebracht hat. Doch auch unter der Annahme, die Reliquien der hl. Saturnina seien tatsächlich in dieser Zeit nach Neuenheerse gekommen, bleibt die Möglichkeit, dass sie nicht aus Rom, sondern von einem anderen Ort übertragen wurden. Nicht einzusehen ist jedoch die unkritische Übernahme der Notiz auf der Papyrus-Papst-Urkunde durch Anton Gemmeke. Sie stammt aus dem 15. Jahrhundert, also jener Zeit, als in Böddeken die Benedicta-Fälschung verfasst wurde, weil die ursprüngliche Vita bis auf wenige Angaben in Vergessenheit geraten war. Wie – so fragen wir – kann dieser Notiz dann ein derartiges historisches Gewicht zugesprochen werden?

Saturnina – Ein „germanisches“ Mädchen, das in Sains das Martyrium erlitten hat und nach Neuenheerse übertragen wurde?

Ein kleiner Ort in Nordwestfrankreich unweit von Cambrai muss in die Überlegungen einbezogen werden. In diesem Ort, Sains les Marquion, wird mindestens seit dem 9. Jahrhundert eine hl. Saturnina verehrt. Eine Quelle aus dem Jahre 1042 berichtet folgendes:

Darstellung der hl. Saturnina auf dem Hochaltar der Pfarrkirche in Sains Les Marquion. Als Attribut trägt sie den Spinnrocken; zu ihren Füßen 2 Rindsköpfe.

Darstellung der hl. Saturnina auf dem Hochaltar der Pfarrkirche in Sains Les Marquion. Als Attribut trägt sie den Spinnrocken; zu ihren Füßen 2 Rindsköpfe.

De villa Sanctis.
Es wird überliefert, dass nahe bei dem Ort „ad Sanctos“, so der Name, ein Stift für junge Frauen existierte, in dem die hl. Saturnina ihre letzte Ruhestätte gefunden hat. Diese Jungfrau stammte aus einem berühmten Adelsgeschlecht in Germanien und hatte schon als Mädchen dem Herrn (Christus) das Gelübde der Jungfräulichkeit abgelegt. Ihre Eltern hatten altem (heidnischen <ritum saecularem>) Brauch folgend, ihre Verheiratung vorbereitet; sie allerdings wollte ihr Gelübde an den himmlischen Bräutigam aufrechterhalten und lehnte eine Verheiratung ab. Als sie sah, dass sie dem elterlichen Willen nicht länger wiederstehen konnte, ergriff sie, auch um dem zudringlichen Bräutigam zu entgehen, heimlich die Flucht aus dem Elternhaus. Sie gelangte bis zum besagtem Ort „ad sanctos“, wo sie den Lauf ihres irdischen Lebens mit dem Martyrium besiegelte. Besagter Mann, dem sie von ihren Eltern versprochen war, hatte sie hartnäckig bis zu diesem Ort verfolgt. Schon als er die bewundernswerte Jungfrau nur von hinten sah, packte ihn der Zorn, und sein ganzes Wesen verwandelte sich gleichsam in ein wildes Tier. Was geschah dann? Bald darauf, als die junge Frau sah, dass er sich wie ein Tier benahm, versuchte sie sich unter den Hirten, die dort eine Herde weideten, zu verbergen und hoffte so, sich dem nach sie suchenden Mann zu entziehen. Der junge Mann aber ergriff sie doch und sich wie ein reißender Wolf gebärdend, brachte er das unschuldige Wesen in seine Gewalt, zückte sein Schwert und schlug ihr den Kopf ab. Sie aber – so wagt eine alte Überlieferung zu behaupten – ergriff ihren eigenen Kopf mit den Händen und trug ihn unter den Augen einer großen Zuschauermenge zur Kirche des besagten Ortes, die dem hl. Remigius geweiht war. Gläubige Christen errichteten dann hier, um sie zu verehren, ein Kloster, das sie auch unter Berücksichtigung aller vorgenannten Gründe einer Frauenkongregation anvertrauten, die unter der Obhut eines extra für sie bestimmten Priesters stand. Es gibt des Weiteren eine Überlieferung, nach der viele Jahre später, aus welchen Gründen auch immer, Sachsen in die Nähe dieses Ortes kamen und als sie diesen Ort passierten, Kunde von dieser ganzen heiligen Geschichte bekamen. Bei ihrer Weiterreise nahmen sie einen Teil des Körpers dieser heiligen Jungfrau mit und brachten ihn fort.

In Sains les Marquion stellte Gaston de Saint Aubert 1898 die Frage nach der Herkunft der Saturnina von Sains und vermutete erstmalig eine Beziehung mit der Überlieferung von Neuenheerse. Joseph Debove (1898 – 1918 Pfarrer von Sains les Marquion) war davon überzeugt, dass es sich um dieselbe Heilige in Sains und Neuenheerse handle. Auf sein Betreiben hin wurde im Jahre 1918 das Fest der hl. Saturnina in der Diözese Arras zurückverlegt auf den 20. Mai, wo es seit Alters her gefeiert wurde. Er stand in direkter Korrespondenz mit Anton Gemmeke. Andere Historiker folgten ihm. Die Chronologie wird von ihnen angeführt, außerdem das identische Festdatum, der 20. Mai und die Parallelität in den Überlieferungen und den Traditionen.

Gemmeke hingegen blieb skeptisch und lehnte eine Identität der beiden Saturninen ab. Dabei argumentiert er folgendermaßen: Das Kloster in Sains wurde 882 von Normannen zerstört. Angenommen, es habe sich bei den Aggressoren um jene Sachsen gehandelt, die dann die Reliquien mit sich genommen hätten, so wäre nicht einzusehen, weshalb der Necrolog die typischen Feste einer feierlichen – und friedlichen – Übertragung aufweist. Zudem sei die Saturnina von Sains ja nur eine Märtyrerin der Jungfräulichkeit, nicht aber – wie die von Neuenheerse – eine Märtyrerin für den Glauben.

Trotz Gemmekes Zweifel an der Identität der beiden Saturninen hat sich diese Überzeugung in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg im Bewusstsein der Menschen durchgesetzt. Heute besteht eine enge Beziehung zwischen den beiden Dörfern. Regelmäßig finden Besuche zu den jeweiligen Feierlichkeiten um das Fest der hl. Saturnina statt, Freundschaften sind gewachsen und im Heiligen Jahre 2000 hat sich eine Gruppe Fußpilger von Neuenheerse auf den ca. 500 km weiten Weg nach Sains gemacht.

Versuchen wir all jene Argumente zu erheben, die für eine Identität der Saturnina von Sains les Marquion und der von Neuenheerse sprechen.

Hier nun die ältesten Quellen:

Detail aus dem Liber Vitae des Klosters Corvey, um 1150. Saturnina in Orantenhaltung, in der Rechten ein  Gefäß.

Detail aus dem Liber Vitae des Klosters Corvey, um 1150. Saturnina in Orantenhaltung, in der Rechten ein Gefäß.

  • Corveyer Kalender, um 900 erstellt. Darin der Eintrag zum 20. Mai: Saturnina Martyris.
  • Undatierte Urkunde Kaiser Heinrichs III. (1039 – 1056) über die Bestätigung der königlichen und Kaiserlichen Rechte für Waltrat, der Äbtissin des Klosters der hl. Jungfrau Maria und der hl. Saturnina und des hl. Martin.
  • Urkunde aus dem Jahre 1123, nach der die Stiftsjungfrau Helmburg der hl. Gottesgebärerin Maria und den übrigen Heiligen in der Kirche zu Heerse vier Hufen in Overida für die Präbende der Sanktimonialen, die dort Gott uns seiner hl. Gebärerin und der hl. Jungfrau Saturnina dienen.
  • der Liber Vitae, das Buch der Stefanusbruderschaft des Klosters Corvey, um 1150. Die 24. Seite ist dem Stift Heerse gewidmet. Hier finden wir die älteste Bilddarstellung der hl. Saturnina. Die Umschrift lautet: STA SATURNINA VIRGO.
  • Die Umschrift der alten Schreine aus dem 12. Jahrhundert. Sie lautet: Aus dem Chor der Jungfrauen leuchtet hervor die Jungfrau Saturnina. Die Güter der Welt achtet sie gering. Deshalb sei sie den Frommen eine Zier und eine reine Blume, so ist sie an der Seite ihres Bräutigams (Christus) zum lieblichen Duft geworden.
  • Das Necrologium Herisiensis. Es stammt aus der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts. Da es sich aber um die Abschrift eines Vorgängerwerkes handelt, kommt ihr als Quelle großes Gewicht zu.

Die Rückschrift der Papyrus-Papsturkunde, die für Gemmekes Beweisführung große Bedeutung hat, gewichten wir weniger stark, da sie – wie oben bereits beschrieben – aus dem 15. Jahrhundert stammt, also aus jener Zeit, in der die 1. Vita bereits in Vergessenheit geraten war. Diese Notiz beweist allenfalls, dass die Reliquien der Heiligen tatsächlich in frühester Zeit nach Neuenheerse gelangt waren.

Wir halten fest:

Die Reliquien der hl. Saturnina wurden vor dem Jahre 900 im Stift Heerse verehrt.

Um 1150 hatte Saturnina dort eine herausragende Stellung. Sie hatte Maria als Stiftspatronin abgelöst. Bringen wir unsere Quellen nun in Verbindung mit der Chronik des Balderic (1042) und der Tatsache, dass das Kloster in Sains bei einem Normanneneinfall vor dem Jahre 882 zerstört wurde, so ist keinesfalls – wie Gemmeke annimmt – zu schließen, dass es sich bei der Übertragung um einen kriegerischen Akt, einen Reliquienraub handelte. Balderic schreibt:

… Es gibt des weiteren eine Überlieferung, nach der viele Jahre später, aus welchen Gründen auch immer, Sachsen in die Nähe dieses Ortes kamen, und als sie diesen Ort passierten, Kunde von dieser ganzen heiligen Geschichte bekamen. Bei ihrer Weiterreise nahmen sie einen Teil des Körpers dieser heiligen Jungfrau mit und brachten ihn fort.“ Ein kriegerischer Akt hätte in der Chronik zweifellos eine andere Formulierung gefunden.

Nun weist Balderic aber auf eine im Jahre 1042 offensichtlich schon sehr alte Überlieferung hin, die er selbst vernommen hatte. Er spricht auch von der Kunde, die die Sachsen vernommen hatten. Es ist also zu vermuten, dass mit den Reliquien tatsächlich eine Vita und eine Passio mitgeführt wurden, von denen wir Relikte noch in der Fälschung von Böddeken wiederfinden, nämlich den Todestag, der 20. Mai, und die Ortsangaben Sanctina und Scalt. Sains könnte das dort genannte Sanctina sein, es liegt unweit der Schelde. Der 20. Mai gilt zudem als der älteste Festtermin der Heiligen in der Diözese Arras gleichwie in Neuenheerse. Sehr präzise beschreibt Bladeric die Fremden als Saxones, während er von Saturnina nur mit der allgemeineren Herkunftsbezeichnung de Germania beschreibt. Auch dieser Fakt lässt auf eine Translatio in das Missionsgebiet Sachsens schließen.

Ein nicht eindeutig datierbares Siegel (12. Jh.?) zeigt eine stehende Frau möglicherweise mit einem Spinnrocken und einem Schaf zu ihren Füßen.

Ein nicht eindeutig datierbares Siegel (12. Jh.?) zeigt eine stehende Frau möglicherweise mit einem Spinnrocken und einem Schaf zu ihren Füßen.

Ein weiteres Kriterium, das bisher noch nicht beachtet wurde, ist die ikonographische Darstellung. Die Tradition von Sains kennt nur die Darstellung der Heiligen mit einem Spinnrocken, im oberen Teil durch das Wollknäuel verdickt und mit Rindern oder Schafen zu ihren Füßen. Das in der Neuenheerser Tradition älteste Bild findet sich im Liber Vitae der Stefanusbruderschaft von Corvey. Saturnina ist dargestellt in Orantenhaltung mit einem Gefäß in der rechten Hand. Alle anderen uns heute bekannten Darstellungen stammen aus der Zeit, als sich die Böddeker Fälschung bereits durchgesetzt hatte. Dabei wird sie mit der Axt als Marterwerkzeug und/oder dem Palmzweig dargestellt.

Wenn wir nun annehmen, dass die beiden Heiligen von Sains und Neuenheerse identisch sind und dass mit Reliquien und Vita in Karolingischer Zeit auch ein Bild der Heiligen mit nach Heerse kam, so muss vermutet werden, dass zur Zeit der Abfassung des Liber Vitae die Lebensbeschreibung Saturninas bereits in Vergessenheit geraten war. Dann nämlich wussten die Menschen im 12. Jahrhundert mit einem Spinnrocken als Attribut nichts mehr anzufangen. Die obere Verdickung der Spindel wäre als Gefäß, näherhin als Ölgefäß der Klugen Jungfrau, umgedeutet worden.

Zieht man ein Resümee aus der Quellenlage, der Ikonographie und der Tradition, so ergibt sich kein einheitliches Bild unserer Kirchenpatronin. Für jeden der aufgezeigten Wege gibt es gute und weniger gute Gründe, Fehleinschätzungen, Irrtümer aus gutem Glauben bis hin zu Denkrichtungen, die auf keinen Fall zu billigen sind, wie Pfarrer Gemmeke es sehr streng ausgedrückt hat, also bewusste Fälschungen, vielleicht aus Not oder Überforderung geboren.

Aus der Gesamtschau dieser Fülle von kleinen Fragmenten sind wir zu der Überzeugung gekommen, dass es sich in beiden Orten um ein und dieselbe Heilige handelt und dass die Geschichte von Neuenheerse und die von Sains les Marquion durch die hl. Saturnina aufs engste miteinander verwoben sind.

Es bleiben offene Fragen:

Woher genau kommt die Heilige, die wie Balderic zu berichten weiß de Germania praeclaris natalibus orta ist? Stammte sie womöglich aus der Gegend um Neuenheerse?

Bei der fragmentarischen Quellenlage mag es als gewagte Spekulation erscheinen, Saturnina aus unserer Gegend, womöglich aus Neuenheerse selbst stammen zu lassen. Doch werfen wir zur Illustration einen kurzen Blick auf die damalige Zeit:

Mit der Erstürmung der Iburg und der Zerstörung der Irminsul dort begann 772 der damalige König der Franken, Karl, den Krieg gegen die Sachsen. Dieser Krieg wurde fast 30 Jahre mit großer Erbitterung geführt und gereichte dem späteren Karl d. Gr. nicht nur zu Ehren. Hand in Hand mit den militärischen Operationen verlief das Missionswerk an den Sachsen, die von zeitgenössischen Autoren als die „heidnischsten aller germanischen Stämme“ bezeichnet wurden. Sie wollten von ihrer Väterreligion nicht lassen, waren oft nur zwangsweise zur Taufe bereit, vermischten bedenkenlos den neuen christlichen Glauben mit ihrem alten Götter- und Dämonenglauben, hielten weiterhin an ihrem alten Standes- und Rechtsdenken fest, so dass das Frankenreich gezwungen war, diesen Sachsen spezielle, nur auf sie zielende Gesetze und Verhaltensweisen aufzuerlegen, bis hin zu einem eigenen Taufritus, der nur für Bewerber sächsischer Herkunft galt. Nach dem Tod Karls d. Gr. traten die heidnischen Bestrebungen wieder deutlich zu Tage, und das noch junge Bistum Paderborn war immer noch Missionsgebiet.

Gehen wir davon aus, dass um 830 eine getaufte, adelige Familie in oder um Heerse auf ihrem Grund und Boden, hier auf dem Lande eine Kirche errichtete. Der Paderborner Bischof mag dafür seine Einwilligung gegeben haben, da auch dem Ort an der Quelle der Nethe – mit einem vermuteten, uralten sächsischen Heiligtum – eine herausragende Bedeutung zukam.

Diese erste Kirche wurde vermutlich dem hl. Quintinius geweiht. Dieser Altar des hl. Quintinius aber mag der Schlüssel sein, um die Bedeutung des Lebens und Sterbens der hl. Saturnina zu erfassen.

Deuten nämlich die Patronate jener Zeit – wie z.B. St. Peter, St. Peter und Paul – auf den Wunsch, die neumissionierten Gebiete eng an die Kirche Roms und damit an das Papsttum zu binden, so zeigt sich in unserem Fall eine Bindung an die Kirche Galliens, des Westens Europas.

Der hl. Quintinius entstammt einer angesehenen römischen Senatorenfamilie und gilt als der große Missionar Galliens, also des heutigen Frankreichs, wo er um 295 nahe dem heutigen St. Quentin den Märtyrertod erlitt. Nur einen Tagesmarsch entfernt liegt das frühe gallische Sanctina, das heutige Sains les Marquion.

Gehen wir also davon aus, dass Saturnina die Tochter eines sächsischen adeligen Grundherren mit ganz anderem Mädchennamen, vielleicht gar ein Spross aus der Sippe des Kirchengründers hier in Neuenheerse war. Nach der Quelle des Balderic verpflichtete sie sich, von Christus begeistert, durch ein Gelübde zur Ehelosigkeit. Die Familie jedoch hatte sie einem anderen zugedacht, der nun auf die Erfüllung der gemachten Vereinbarung drang. Das Mädchen von vielleicht 15 oder 16 Jahren gerät in einen Gewissenskonflikt und sieht die einzige Lösung in der Flucht aus dem Elternhaus. Wenn zwischen Heerse und St. Quintin eine Beziehung durch Missionare bestand, so ist verständlich, dass sie sich dorthin wandte in der Hoffnung, ihrem Gelübde treu zu bleiben und in Frieden leben zu können. Sie nimmt, um sich zu verbergen, eine andere Identität, einen neuen Namen an, nämlich Saturnina. Der abgewiesene Freier aber spürte sie letztendlich doch auf, trifft sie bei der Feldarbeit in Sanctina an und fordert seine Rechte ein. Als sie sich weiterhin standhaft weigert, bringt er sie um.

Wunder um ihre Todesstunde – so soll sie ihren abgeschlagenen Kopf selbst noch mit beiden Händen in die Kirche des hl. Remigius in Sanctina getragen haben – bringen sie in den Ruf der Heiligkeit. Die Kunde von ihrem heiligmäßigen Leben und Sterben verbreitete sich rasch und gelangte auch in ihre alte sächsische Heimat.

So wäre es naheliegend zu vermuten, dass die Saxones - wie Balderic sie nennt – eine Gesandtschaft war, die sich gezielt auf den Weg gemacht hatten, um die Gebeine dieser Heiligen ganz in der Weise karolingischer Reliquientranslationen nach Hause zurück zu bringen, zumal dieses Ereignis gerade mit der Stiftsgründung in Neuenheerse und dem Bau der Stiftskirche zusammenfiel, für die man Reliquien benötigte.

Hier stellt sich die Frage nach dem Zeitpunkt der Übertragung.

Das Siegel Bischof Liuthards (862 – 887) wurde 1945 im Schrein der hl. Saturnina gefunden. Es könnte ein Hinweis auf eine Übertragung während seiner Lebzeit sein.

Das Siegel Bischof Liuthards (862 – 887) wurde 1945 im Schrein der hl. Saturnina gefunden. Es könnte ein Hinweis auf eine Übertragung während seiner Lebzeit sein.

Glauben wir der Notiz auf der Papyrus-Papsturkunde, dann fällt die Translatio in die Zeit des Bischofs Biso (887 – 909). Gehen wir hingegen von der Chronik des Balderic und dem Datum der Zerstörung des Klosters in Sains aus, so muss die Übertragung weit früher stattgefunden haben, vielleicht in die ersten Anfängen der Stiftsgründung (868); dann aber muss die 1. Basilika regelrecht um die Reliquien herum gebaut worden sein. Die Übertragung fiele dann in die Zeit des Vorgängerbischofs, nämlich des Liuthard (862 - 887). Gestützt wird diese Vermutung durch das Siegel dieses Bischofs, das bei der Öffnung der Schreine im Jahre 1945 gefunden wurde. Bisher wurde vermutet, es sei nachträglich bei einer Öffnung der Schreine hinzugefügt worden. Logischer erscheint die Annahme, dass Liuthard selbst sein Siegel als Bestätigung der Echtheit den Reliquien beigelegt hat.

Zu der großen Bedeutung, die Saturnina auch für das noch junge Missionsbistum Paderborn zunächst hatte, stieg sie auf, weil sie ein Kind dieses Bistums war, aus sächsischem Adel stammte und somit ein „heiliges Eigengewächs“ war. Wie bei Liborius war die Vita und der Bericht der Übertragung zunächst bekannt und in aller Munde, so dass man womöglich nicht die Notwendigkeit einsah, diese Berichte schriftlich zu dokumentieren.

Nach dem 10. Jahrhundert war das Stift zu einer mächtigen Einrichtung geworden, der Missionsgedanke war längst vergessen und ebenso die Bedeutung unserer Heiligen für die Mission. In diesem Prozess mag auch die Überlieferung ihres Lebens, ihres Sterbens und der feierlichen Translation bis auf wenige Details in Vergessenheit geraten sein. Die Reliquien aber waren geblieben, ebenso das Patronat der Kirche.

Ein Nachwort

Mit unserem Aufsatz haben wir Jahrhunderte gestreift. Wir würden uns freuen, wenn unsere Überlegungen ein kleiner Beitrag wären für die Lösung eines Problems, das Pfarrer Gemmeke nicht zur Ruhe kommen ließ und das ihn veranlasste, eigene Forschungsergebnisse zu verbergen, um seinen Pfarrkindern nicht weh zu tun.

Diesem großen Seelsorger und Historiker widmen wir unsere Veröffentlichung.

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